Das Wetter sollte gut werden! Nach dem durchwachsenen Wochenende zuvor, bei dem das angekündigte 700km Wetter wohl eher einer dicken Abschirmung zum Opfer gefallen ist, wollte ich den besten Tag des Wochenendes nutzen.
So ging es samt Anhänger bereits am Samstagabend nach Eisenhüttenstadt, um ein paar Stunden Schlaf zu sparen und schon früh den Flieger halbwegs stressfrei vorbereiten zu können.
Gesagt getan und so sammelte sich die hochmotivierte Streckenflugfraktion vom LSC Interflug eine Dreiviertelstunde vor dem Briefing und rüstete Spocky, LS4 und LS7 auf.
Die Strecke war auch nach einigem hin und her festgelegt und so wollte ich mich an meinem ersten 600km Dreieck versuchen. Am Ende des Zauberwaldes in Polen am Flugplatz Kruteczek (den ich nicht aus der Luft ausmachen konnte…wie die meisten polnischen Flugplätze…gibt es den überhaupt?) war die erste Wende, danach ging es südlich Görlitz zur tschechischen Grenze und von dort nach Nordwesten in die Nähe von Baruth. Die Schwierigkeit bei dieser Routenplanung war das Umfliegen der polnischen Lufträume, aber das hatte sich größtenteils wettertechnisch sowieso erledigt. Aber dazu später mehr.
Aufgrund der verspäteten Winde, ergatterte ich mir spontan um 10:30 Uhr einen F-Schlepp hinter der FK9 (nochmal ein großes Dankeschön an Ingo fürs Schleppen und Thilo, dass ich mich vordrängeln konnte). Am Platz ging es gut, Startkreis genommen und los Richtung Osten.
Der erste Schenkel ging ab dem Beschränkungsgebiet Sulecin ziemlich gut. Davor waren die Bärte zwar etwas mau, aber danach zogen die Wolken auf der Sonnenseite zuverlässig mit 2-2,5m/s. Nördlich vom (inaktiven) Flugbeschränkungsgebiet bei Miedzyrzecz zeichnete sich aber erstmal ein Bild ab, welches den Flug noch sehr spannend machen sollte. Aufgrund der Regenfälle der letzten Tage, war es noch sehr feucht und es hatte sich eine kleinere Überentwicklung gebildet. Ich nahm davor vorsorglich noch ein paar Höhenmeter bis 1450m AGL mit und nahm Kurs quer durch den Flatschen zur Sonnenseite und hoffte, dass die Wolke vielleicht auch mittig etwas ziehen sollte. Tat sie natürlich nicht und es ging sensationell abwärts. Meine Höhe schwand und ich suchte die Sonnenkante nach einem Hinweis für Steigen ab. Und da sah ich sie! Was gibt es für ein besseres Indiz für Thermik ein halbes Dutzend Störche, die unter der Wolke kreisen. Ich flog zu meinen gefiederten Freunden, die mir einen wunderbaren 2,3m/s Bart anpinselten. Danke!

Nach dem Flatschen standen zum Glück wieder einzelne Wolken und ich näherte mich mit großen Schritten der Wende. Westlich der Wende hatte sich eine Wolke gebildet und ich machte einen Abstecher dorthin. Nach einem vergeblichen Suchkreis fand ich einen soliden anderthalb Meter Bart auf der Ostseite (da hatte ich ihn wirklich nicht erwartet), der mich von 900m auf 1400m über Grund brachte. Während ich kreiste stellte ich fest, dass kurz hinter der Wende eine weitere vielversprechende Wolke stand. So nahm ich die vier extra Kilometer in Kauf und es passierte… natürlich gar nichts! Na toll!


Also hielt ich mich nicht weiter an der Verarscherle-Wolke auf und nahm Kurs Richtung Südwesten.
Auf dem Satellitenbild zeichnete sich bereits die ganze Zeit ab, dass sich eine Cirrendecke aus Südosten näherte, vor der sich einige Überentwicklungen bildeten. In Kombination ziemlich unpraktisch, da nun der direkte Weg (so direkt es mit den Lufträumen in Polen war) abgeschattet war.


. Ich wägte meine Optionen ab. Nachdem ich einige Wolken unter der Cirrendecke ausprobiert hatte und nicht wirklich begeistert war, entschied ich mich nach einem Blick ins Satellitenbild für den kleinen Umweg über Westen. Dort würde ich versuchen mich an den ersten Wolken, die in der Sonne lagen nach Süden zu hangeln. Blöderweise waren diese Cirren ziemlich schnell und so musste ich einen immer größeren Schlenker machen und das kostete Zeit. Hinter Swiebodzin bog ich nach Süden ab und kämpfte mich Wolke für Wolke näher an die zweite Wende. Das Steigen fand ich immer schlechter, aber dafür zielsicher das ordentliche Sinken.
Man stelle sich die ultimative Schimpftirade in Spockys Cockpit vor: -3m/s „Ach komm, das ist doch nicht dein Ernst! Komm -4m schaffst du auch noch!“ -4m/s „Du willst mich doch verarschen! Komm, gib mir halt auch noch die -5“… und die -5m/s kamen natürlich „Ach Fi** dich halt du kack Wolke!“ Ja ab und an habe ich Thermik-Tourette. Und natürlich war die Wolke nun beleidigt und zeigte mir vollends den Mittelfinger, da ich kein Steigen fand. Mein Höhenmesser zeigte noch gute 750m über Grund an und ich wagte den Sprung auf Kurs zur Nächsten dann doch nicht. Direkt westlich von mir stand aber eine Wolke über einer Stadt mit großer Industrieanlage. Dort vermutete ich den Auslösepunkt und flog die Stelle an. Ich hatte Glück im Unglück und der kleine Umweg belohnte mich mit soliden 2m/s mit denen ich 1000 Höhenmeter wieder erkurbelte.

Auf diese Weise hangelte ich mich weiter nach Süden. Tragende Linien suchte ich vergeblich und das starke Sinken dazwischen erforderte häufiges Kreisen. Die Bärte waren schwer zu finden und man musste immer ein wenig suchen, bis man aber die soliden 2-2,5m/s fand. Das kostete aber wirklich Zeit und Nerven, auch wenn ich sonst nie unter 1000m AGL kam (um ehrlich zu sein, hatte ich da auch relativ wenig Lust drauf).



Ich überflog Görlitz und näherte mich der Wende an der tschechischen Grenze. Ich tankte noch einmal Höhe und flog in fast 2100m AGL zum Wendesektor ab. Abgeklatscht und weiter geht es!
Praktischerweise fand ich am Görlitzer See den Bart des Tages mit 3,5m/s, der mich wieder auf 2000m AGL brachte. Ich freute mich, denn nun war ich diese elendigen Cirren los und erst einmal sah der weitere Weg nach Spaß aus. Der Blick aufs Satellitenbild versprach erst einmal ein gutes Durchkommen, auch wenn aus dem Westen die nächste Abschirmung heranzog. Aber das war ein Problem für die Zukunfts-Sally in einer Stunde.


Ich entschied mich für eine Linie etwas nördlich über die Kraftwerke und erkurbelte mir querab Klix mit anderthalb Metern annährend Basishöhe. Und ab hier fing es an richtig Spaß zu machen, denn bis Welzow brauchte ich keinen Kreis zu machen und schwabbelte an der Sonnenseite der Wolken entlang. Ich freute mich einfach meines Lebens und dachte mir „Ey, das könntest du wirklich schaffen!“. Vor mir bildete sich zwar eine riesige und weiträumige Überentwicklung, aber da sollte man sich ja irgendwie durchkämpfen können. Der Blick aufs Satellitenbild genügte und meine Euphorie wurde wieder etwas geschmälert, die Abschirmung war wirklich groß, zog von Westen nach Osten und wurde immer größer. Den letzten Bart hatte ich am Ende der noch netten Aufreihung und nahm die immer schwächer werdende Thermik bis ganz nach oben mit. Mir war klar, dass ich jetzt jeden Höhenmeter brauchen würde und flog in 2200m AGL ab.


Und auf einmal wurde es dunkel! Ich glitt mit Schleichfahrt an Bronkow vorbei und erkannte den letzten Hauch Sonne mit dazugehörigem Fussel. Unter diesem Fussel erkämpfte ich mir mit immerhin 1,2m/s noch einmal 600m, bevor auch hier die letzte Sonne und somit auch das Steigen verschwand. In 1950m AGL flog ich nun direkt zur letzten Wende und hatte viel Zeit zum Nachdenken, denn die Luft war komplett tot. Da war nichts! Das Vario stand konstant bei -1m/s und es war keine Luftbewegung mehr zu spüren. Verdammt! Ich will mich nicht durch die Suppe gekämpft haben, um jetzt an diesem Flatschen zu scheitern.
Aber der Flatschen war groß! Das war kein Flatschen mehr, das war eine Wetterlage!
Ungefähr 10km vor der Wende erkannte ich vor Baruth eine unscheinbare Struktur unter der Abschirmung. Da könnte noch was gehen! Zwar bedeutete das einen kleinen Umweg, aber was brachte mir die Wende, wenn ich danach zu tief war und keinen Handlungsspielraum mehr hätte. Falls es dort irgendwie gehen würde, könnte ich danach immer noch zum Sektor. Und wenn nicht, war der Sektor eigentlich auch relativ egal.

So änderte ich meinen Kurs ein paar Grad nach rechts und betete zum Thermikgott „Gib mir eine Chance!“. Was mir etwas Mut machte war, dass hinter dem Fussel das Sägewerk lag, was eigentlich immer ein wenig geht. So flog ich den Fussel mit dem Mut der Verzweiflung an.
Davor merkte ich einige Luftbewegungen, ganz tot war es also doch nicht. Das Vario bewegte sich kaum merklich nach oben, die rechte Fläche hob sich. Ich gab sachte Querruderausschlag nach rechts, aber das war er noch nicht. Da hob sich die linke Fläche und ich riss den Knüppel herum (Janki würde mich wieder als Digital-Fliegerin bezeichnen) und kreiste links ein. Ich wagte kaum zu atmen und starrte wie gebannt auf das Variometer. Nach einem Kreis kam die erlösende Nachricht: 0,5m/s integriert! Jetzt kam meine Stunde, das ist mein Wetter! Hartnäckig sein und sich mit Minimal-Steigen ausgraben! Das kann ich! Ich biss mich fest, zwischenzeitlich ging es sogar auf 1m/s hoch, aber auch mal auf 0,2m/s zurück. Egal, solange die benötigte Höhe auf dem LX kleiner wurde, würde ich mich hier festbeißen. Nach 400m Höhengewinn verschwand das Steigen auf einmal! Soll das meine Chance gewesen sein? Habe ich sie vertan?
Ich nahm in meiner Verzweiflung Kurs auf das Sägewerk…und 500m weiter hob sich auf einmal meine rechte Fläche! Ich machte erneut einen Kampfkreis und da war der verloren geglaubte Bart wieder, wenn auch in die andere Richtung und um einiges enger. Egal! Nach insgesamt 20 nervenaufreibenden Minuten, war aber nun wirklich das Steigen verschwunden, aber mit 1900m AGL hatte ich wieder ein wenig Handlungsspielraum.
So flog ich die Wende an hinter der sich ein weiterer Fussel bildete. So opferte ich einige Höhenmeter und erhoffte mir dort die benötigte Höhe um wenigstens in die Nähe von Eisenhüttenstadt zu gelangen. Diese Wolke zeigte sich leider nicht so kooperativ wie die anderen und ich vergab wichtige Meter. Naja, ob jetzt auf dem Endanflugrechner -50m oder -150m stehen würde, machte den Bock auch nicht fett, denn schließlich waren es noch 80km bis nach Hause.
Lars, der mit dem Duo die gleiche Strecke flog, hatte sich auch tapfer durch die Suppe gekämpft und war nun auch kurz vor der Wende. Wir beschlossen die Flusen bei Baruth noch einmal zu versuchen. Er flog sie von Westen an, ich von Süden und erneut hatte die Wolke Einsicht (oder eher Mitleid) mit mir. Wieder hob ich kaum merklich meine linke Fläche, ich kreiste ein und mit 0,5-1m/s ging es nach oben Richtung Endanflughöhe. Das Steigen musste uns nur bis zur Basis bringen, dann waren wir schon so gut wie Zuhause. In 2000m AGL ging es nicht mehr weiter, aber der Endanflugrechner sagte immerhin +400m Ankunftshöhe. Zwar waren es nach wie vor 80km, aber falls wir unterwegs nichts mehr finden sollten, würde uns die tote Luft unter dem Flatschen (der nun bis Eisenhüttenstadt reichte) kein größeres Sinken mehr bescheren. Zumal tatsächlich auf Kurs der ein oder andere Flusen unter der Abschirmung stand.
Und so ging es auf Kurs nach Hause.



Wir könnten es tatsächlich schaffen! Also wieder Schleichfahrt und bloß keinen unnötigen Ruderausschlag. Die erste Fluse auf dem Heimweg zog nicht, brachte aber auch kein übermäßiges Sinken. Südlich des Storkower ED-Rs stand eine schön ausgebildete Wolke, auf die ich meine Hoffnung für ein sicheres Heimkommen setzte. Und sie ging! In 1300m AGL ging sie mit einem soliden Meterchen und in 1800m AGL flogen wir ab und beglückwünschten uns zum 600er! Mit 800m+ kamen wir in Eisenhüttenstadt an, aber nach diesem Flug wollte man kein Risiko mehr eingehen.
Was für ein Flug!
Ich bin nicht oft stolz auf mich, aber da war ich es doch tatsächlich. Das waren keine geschenkten 600km und das Wetter war den größten Teil der Strecke anspruchsvoll. Zuerst mit der Cirrenschicht über Polen, dann mit dem ultimativen Flatschen. Aber Aufgeben war zu keinem Zeitpunkt eine Option und die Sturheit wurde belohnt!
